Ernst Krenek zum 100. Geburtstag
Die musikhistorische Bestimmung von Ernst Krenek, der, als er 91jährig starb, ein uvre von mehr als 240 Opera hinterließ, war schon zu seinen Lebzeiten extrem: In Europa wurde seine Vielseitigkeit gern als mehrfacher kompositorischer "Stilwandel" kritisiert und damit stillschweigend vorausgesetzt, daß ein schöpferisches Leben stilistisch einheitlich zu sein habe; andererseits charakterisierte man ihn in den USA als "one-man history of twentieth-century music" und trug damit dem singulären und fast unglaublichen Faktum Rechnung, daß Kreneks Werk eine Zeitspanne von mehr als sieben Dezennien des 20. Jahrhunderts umfaßt - vom Ende der zehner bis zu den ausgehenden achtziger Jahren. Wenn man das Bonmot aber ernst nimmt, geht es nicht bloß um zeitliche Konkordanz oder die Teilhabe an jeder aktuellen Strömung, sondern um Kreneks Zeitgenossenschaft.
Als Krenek Anfang
der zwanziger Jahre auf den Avantgarde-Festivals von Donaueschingen und
Salzburg mit Kammermusik zu frühem Ruhm kam, galt er als Vertreter der
damals "neuen" Musik - einer Musik, die auf den Umbau der Gesellschaft
nach 1918 und die rasante technische Entwicklung reagierte und den hohen Anspruch
der Kunst durch Witz und Aktualität herunterspielte; die "Zeitoper"
ist eine für diese
Haltung typische Gattung, in der sich auch Krenek versuchte. Aber er komponierte
schon damals nicht nur nach einem Muster: Kurz vor dem Sensationserfolg der
Zeitoper par excellence Jonny spielt auf fand die Uraufführung seiner expressionistischen
Oper Orpheus und Eurydike nach Kokoschkas Schauspiel statt, und noch früher
(und Jahre vor den Versuchen Brechts) hatte er sich schon mit dem "epischen"
Musiktheater (Zwingburg von 1922) befaßt.
Der Dodekaphonie näherte sich Krenek, der nicht zu den Wiener Schülern Schönbergs gehörte und fast eine Generation jünger selbst als Berg und Webern war, erst allmählich ab 1930, und zwar sowohl aus kompositorischer Notwendigkeit als auch aus ästhetischer Einsicht. Die Übereinstimmung von musikalischem Gedanken und intellektueller Analyse blieb für Kreneks Schaffen typisch. (Sie hatte bei seinem zwölftönigen Erstling, dem "Bühnenwerk mit Musik" Karl V., auch noch eine politische Komponente, die schon 1934 in Österreich nicht genehm war - daher die Vereitelung der Uraufführung an der Staatsoper - und Krenek 1938 ins Exil in die USA führte.) Als ihn in den 50er Jahren der Kontakt mit der jungen europäischen Avantgarde ermutigte, sich mit elektronischer Musik, mit der seriellen Durchorganisation des musikalischen Materials sowie ihrem Widerpart, der Zufallsoperation, zu befassen, so tat er dies nicht nur, weil ihn einzelne Werke dieser Art faszinierten, sondern auch wieder, weil er den neuen Möglichkeiten gedanklich ebenso wie künstlerisch auf den Grund gehen wollte.
Allerdings hatte er bereits
Anfang der 40er Jahre in den USA z.B. in der 3.
Klaviersonate (später ein Lieblingsstück von Glenn Gould) und dem
großen a-cappella-Werk Lamentatio Jeremiae Prophetae mit Reihenrotation
experimentiert - aber nicht, um die Dodekaphonie schon zum Serialismus weiterzutreiben,
sondern um eine Brücke zur modalen Musik zu schlagen. Dieses Interesse
an historischer Einbindung war bezeichnenderweise ausgerechnet in den ersten
Jahren des Exils erwacht, als Krenek mit dem Verlust Europas auch den der Geschichte
befürchtete. Es spielte wieder eine unüberhörbare Rolle in seinem
Spätwerk. Dort nämlich läßt
sich zweierlei beobachten: sowohl das Nebeneinander von Satztechniken und von
historischen Ebenen (mit Zitaten oder Anspielungen, auch an eigene frühere
Werke) als auch ein Zerbrechen der Kontinuität des Werkes in Bruchstücke.
Im einen versicherte er sich kompositorisch der/seiner Geschichte, im anderen
reflektierte er sie als unwiderruflich fragmentarisiert - und weigerte sich
damit zugleich, den Bruch in der Geschichte, eine der einschneidendsten Erfahrungen,
die dieses Jahrhundert seinen Zeitgenossen zumutete, zu überspielen.
Claudia Maurer Zenck
Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg
Autorin mehrerer Bücher über Ernst Krenek